ALTER!

Ein Interviewprojekt von Klinikum Gütersloh|Anne-Frank-Schule|Wilhelm-Florin-Haus

Interview mit Helmut Oberröhrmann

Sind Sie gerne Kind gewesen?

Als ich aufgewachsen bin, hatten wir nachts Bombenalarm, ich war 4 Jahre alt und dann ging es in den Luftschutzkeller, aber ich habe trotzdem eine schöne Kindheit gehabt. Ich bin hier anderthalb Kilometer weiter geboren, März 1945, da kam der letzte Bombenangriff von den Engländern, da haben die Eltern gesagt, lass uns aufs Land fahren. Man wusste, wenn die an der holländischen Grenze losfliegen, dann sind die ungefähr 12 Minuten später hier. Mit zehn Jahren bekam ich ein Luftschutzgewehr, mein Vater war Jäger und hat mich oft mitgenommen, es war eine schöne Zeit, abgesehen von den Kriegsereignissen. Bis vor zwei Jahren habe ich noch einen Jagdschein gehabt, geangelt habe ich auch. Morgen holen mich meine Enkel ab, der eine aus Stuttgart dann fahren wir nach Ostfriesland, da sind tolle Gewässer, Zander.

Wie war Ihre Schulzeit?

Das war keine verlorene Zeit, wir haben einiges gelernt, aber ich hab mich auch durchgekämpft. Ich hatte weniger Freunde in der Klasse auf dem ESG, ich hatte den humanistischen Zweig mit Latein und Altgriechisch. Die meisten Schüler in meiner Klasse, kamen von weiter weg, und gingen aufs Alumnat. Meine Freunde waren eher im Sportverein. In meinem Zeugnis stand drin, er muss sich mehr ins Zeug legen. Ich musste mich damals in die Ecke stellen. Ein Streber war ich nicht. Der Unterricht ging morgens noch mit einer Andacht los.

Wie haben Sie ihre Freizeit verbracht?

Ich habe Fußball und Tischtennis gespielt und im Winter sind wir Ski gefahren. Jeden Sonntagmorgen von Mitte November bis Mitte März fuhren jeden Sonntag Busse nach Winterberg. Für einen Fußballverein war zu wenig Zeit, aber ich habe an der Schule gespielt. Nachmittags mussten wir entweder singen in der Kantorei, oder Sport machen und da habe ich Fußball gespielt. Wir hatten Unterricht bis viertel nach eins und dann mussten wir Hausaufgaben machen, die Fahrradstrecke bis Avenwedde war auch anstrengend.

Was sind Ihre schönsten Erinnerungen?

Dass ich einen Sohn habe und zwei Enkel habe, die sportlich sind, macht mich immer wieder glücklich. Ich habe die Dolmetscherschule für Englisch und Spanisch gemacht. Mit meinem Spanisch habe ich auf Mallorca eines Tages jemanden gefragt, ob er einen Ort kennt, wo keine Touristen sind. Da hat er mir ein Hostel empfohlen und dann bin ich mit 65 da hingefahren. Ich habe mir da einen Smart gemietet und bin ich ans Meer gefahren, das war eine tolle Zeit.

Worauf sind Sie stolz?

Das ist eine schwierige Frage. Auf meinen Sohn bin ich stolz, der ist bei Continental und ist für das Qualitätsmanagement zuständig. Er ist in der ganzen Welt unterwegs, dadurch ist leider seine Ehe kaputt gegangen, aber die haben beide neue Partner und kommen gut miteinander aus.

Gab es auch schwierige Zeiten?

Ich habe bei anderen Leuten mitbekommen, dass die Leute aus dem Ruhrgebiet kamen und gebettelt haben, dass sie zwei Kartoffeln kriegen, weil sie Hunger hatten nach dem Krieg, das waren harte Zeiten.

Wie fühlt es sich an, älter zu werden?

Ganz wichtig ist für mich, dass man nicht vor sich hindämmert, sondern eine Beschäftigung hat. Wenn ich das hier sehe, wie die alle in ihren Rollstühlen sitzen, das ist schon belastend. Ich habe selber nur einen Senioren-Porsche, so einen Scooter, erstaunlicherweise elektrisch, da komme ich hier überall mit hin. Ich kann nicht mehr über den Acker gehen mit der Flinte und einen Hasen schießen. Ich habe früher Klavier gespielt. Dann habe ich mit einer Pflegerin gesprochen und gesagt, ein Klavier gibt es ja nicht und da kommt sie nach einer halben Stunde wieder mit dem Hausmeister und hat ein Keyboard unterm Arm und damit bin ich jetzt am kämpfen. Sich jetzt wieder an die Tasten und vor allem an die verschiedenen Knöpfe zu gewöhnen. Das ist genauso schwierig wie das Handy, da haben wir auch Unterricht, aber ein richtiges Lehrbuch gibt es auch nicht. Gestern Abend habe ich mit meinem Enkel gesprochen, wie die unsere Unterkunft gefunden haben. Da hat er mir einen Link geschickt und gesagt, das kannst du dir auf dem Handy anschauen.

War würden Sie jungen Menschen raten?

Überlegt euch genau, was ihr für einen Beruf machen wollt. Wenn man morgens aufsteht und Magenschmerzen hat, weil man das Geld verdienen muss, das ist nicht gut. Und man braucht ein Hobby, etwas, das einem Freude macht.

Was ist für sie im Leben wichtig?

Wichtig ist, dass man gesund bleibt und das habe ich auch 86 Jahre gut geschafft. Ich habe nicht über jedes Gramm Butter oder jede Flasche Bier nachgedacht. Was ich mir vorgestellt habe, habe ich alles geschafft. Das waren andere Zeiten, die Enkel haben Abitur gemacht, das freut mich. Gestern war das Fernsehen ja voll vom Besuch von Merz bei Trump. Das ist auch interessant, das Schicksal von Millionen Menschen auf dieser Welt hängt davon ab, welche Launen dieser Mann hat, ob er gute Laune hat, ob er freundlich war oder wieder ausgerastet ist.

ALTER!

Wie fühlt sich Altwerden an, wie gut sind wir auf unsere alternde Gesellschaft vorbereitet? Und welche Rolle spielt unsere Einstellung zum Leben?

Top