Interview mit Helmut Hirsch
Wie war Ihre Kindheit?
Ich hatte eine schöne Kindheit. Ich bin in Schlesien aufgewachsen. Wir hatten eine Schäferei mit über eintausend Schafen, mein Vater war Schafmeister und unsere Freizeit war zu einem großen Teil Arbeit. Zum Beispiel im Schafstall Stroh streuen und füttern. Wir sind in der Scheune die Leiter hochgestiegen und runter ins Heu gesprungen.
Was ist die schönste Erinnerung an Ihre Kindheit?
Meine schönste Erinnerung ist mit meinen Freunden draußen im Gras mit Holz spielen. Im Sommer sind wir sechs km gelaufen, um im Teich zu baden. Ich bin zur Schule gegangen, bis ich 14 war und dann bin ich in die Schneiderlehre gekommen. Da hat man mit verschränkten Beinen auf dem Tisch gesessen und mit der Hand genäht, deshalb heißt das auch Schneidersitz. Nach einem halben Jahr war der Krieg aus und die Russen kamen und ich musste in der Landwirtschaft arbeiten. Wenn wir bei einer Faulenzerei erwischt wurden, gab es Prügel. Zwei Jahre später mussten wir flüchten. Im Westen haben wir erstmal in Quarantäne gelebt, in Baracken und dann ging es weiter nach Berlin, da haben wir eine Wohnung bekommen und mussten auf dem Flughafen arbeiten, zum Beispiel Kanäle schachten. Zu essen gab es wenig, deshalb haben wir geklaut, sogar Türschlösser, um die zu verkaufen und uns was zu Essen kaufen zu können. Wir haben uns nicht erwischen lassen. Mein Vater war aus russischer Gefangenschaft in den Westen gekommen und da bin ich heimlich über die Grenze geflohen. Aber die Russen haben mich erwischt und mich in den Zug zurückgesteckt, aber ich bin gleich wieder ausgestiegen. Später habe ich zwei Schmuggler getroffen und bin denen gefolgt, da stand auf einmal ein Schild „Zonengrenze“, ich bin hinter denen her, dann war ich drüben. Später kam ich nach Salzkotten und dann weiter nach Harsewinkel. Dort habe ich dann geheiratet und dann gebaut. Erst habe ich in der Landwirtschaft gearbeitet, dann habe ich bei Vossen gearbeitet und Weberei gelernt, da war ich 10 Jahre. Dann war ich Straßenwärter. 10 Jahre später war ich im Rathaus und habe Druckerei gelernt und dort 20 Jahre gearbeitet bis zur Rente.
Was bedeutet das Alter für Sie?
Heute im Alter lebe ich ganz anders in den Tag hinein und freue mich, wenn ich morgens die Augen aufmachen kann. Über den Tod denke ich noch nicht nach, meine Frau ist vor anderthalb Jahren gestorben, mit der war ich 70 Jahre verheiratet, vom Bundespräsidenten gab es ein Glückwunschschreiben.
Man kann auch im Alter noch jede Menge lernen. Ich habe mit Ende 70 einen Computerkurs gemacht. Mein Sohn ist seit 20 Jahren in Amerika und mit dem muss ich mich ja irgendwie austauschen können. Mein anderer Sohn lebt in Köln und meine Tochter hat einen Mexikaner geheiratet. Inzwischen habe ich Enkel und schon Urenkel. Mein Wunsch: Ich möchte gerne 100 werden.
Was würden Sie Ihrem jungen Ich raten?
Mein Rat an mein junges Ich: Man muss alles ausprobieren, wer nichts gewagt hat, der gewinnt auch nichts. Ich halte viel von den jungen Menschen heute. Ich würde mich freuen, wenn die Jungen noch ein bisschen auf die Alten hören würden.
Seit meinem Schlaganfall ist meine linke Seite tot, seit 7 Jahren sitze ich im Rollstuhl. Ich erinnere mich noch an den Moment: Ich wollte eine Erdbeere pflücken und bin vornübergefallen.

ALTER!
Wie fühlt sich Altwerden an, wie gut sind wir auf unsere alternde Gesellschaft vorbereitet? Und welche Rolle spielt unsere Einstellung zum Leben?
