Interview mit Gisela Fechtel
Waren Sie gerne Kind?
Ja, ich war gerne Kind, ich hatte tolle Eltern, muss ich ehrlich sagen. Meine Mutter mit drei Kleinen Kindern hat uns immer ermöglicht, schöne Dinge zu erleben. Ich gehörte in der Schule immer zu den besten, die höhere Schule musste man bezahlen. Mein Lieblingsfach war Mathe. Meine Schule war in Spexard, wir bekamen damals noch die Schulspeisung, ich bin sogar noch über die Autobahn zur Schule gegangen. Geboren bin ich in Stettin, im heutigen Polen und ehemaligen Pommern. Zwei Brüder und eine Schwester. Mein jüngster Bruder, der war hier bei Miele, ist leider schon tot. Ich habe drei Kinder.
Was haben Sie gerne in ihrer Freizeit gemacht?
Da gab es nicht viel zu machen, wir sind aus dem Krieg hierhergekommen und sind hier auf einem Bauernhof gelandet, ich war froh, das ich eine Arbeit gefunden habe. Ich habe mein Leben lang im Juweliergeschäft Dodt gearbeitet. Damals gab es fast keine Lehrstellen. Da hat mich der Pastor an die Hand genommen, ist mit mir zu Dodt gegangen und hat gesagt, die wird was. Da war ich ja noch jung, 14 Jahre.
Was sind Ihre schönsten Erinnerungen?
Meine Arbeit war schon toll, wir sind viel gereist, wir waren auf Messen, ich wurde immer mitgenommen und habe sehr viel von der Welt gesehen.
Waren Sie mutig?
Mutig war ich schon, in meiner Arbeit oder wenn ich ins Theater gegangen bin musste ich durch einen Wald und da habe ich meine Schuhe ausgezogen und bin barfuß gelaufen, damit mich keiner hört.
Hatten oder haben Sie vor etwas Angst?
Ich war nie ein ängstlicher Mensch. Jetzt macht es mir höchstens Angst, wenn ich ins Krankenhaus muss. Ich mag sogar Spinnen gerne!
Sind Sie auf etwas besonders stolz?
Nein, ich hab einfach immer nur getan, was man machen muss.
Gab es für Sie schwierige Zeiten?
Eigentlich nicht, außer der Hunger. Ich hatte als Kind immer eine gekochte Kartoffel in der Tasche, aus Angst Hunger zu haben.
Was hätten Sie sich gewünscht?
Ich hätte gerne noch weiter im Juveliergeschäft gearbeitet, ich habe immer die Auslagen dekoriert, das hat mir großen Spaß gemacht.
Wie fühlt es sich an älter zu werden?
Meine Mutter hat immer gesagt, älter werden ist nichts für Feiglinge. Das habe ich früher nicht verstanden, heute verstehe ich es. Ist schon ein Scheißgefühl, wenn man langsam nicht mehr gehen kann. Im Altenheim schlafe ich direkt neben dem Schwesternzimmer, da höre ich immer jemand laufen, auch nachts, und das brauche ich, damit ich nicht das Gefühl habe, allein zu sein. Ich war einmal in der Quarantäne, weil unklar war, was ich hatte, da wurde mir nur zum Essen das Tablett reingeschoben. Das war unheimlich. Ich hatte das Gefühl auf dem Mond zu sein, weil das Zimmer auch so eine eigenartige Farbe hatte.
Was würden Sie jungen Menschen raten?
Nehmt alles mit was es auf der Welt gibt, macht Urlaub, habt Freunde, vor allem Freunde, die sind wichtig! In dem Moment leben und alles genießen.
Was ist für Sie im Leben wichtig und hat sich das verändert?
Freunde sind sehr wichtig. Ich habe 30 Jahre Tennis gespielt mit meiner Familie. Mein Mann hat das Clubhaus mit aufgebaut, wir haben Wettkämpfe gespielt, und es hat immer Spaß gemacht. Und die Kinder sind mir immer wichtig gewesen. Ich lese gerne und von mir haben die Kinder geerbt, dass sie Mathe können.
Wie haben Sie Ihre Kindheit auf dem Land erlebt?
Das war nicht meine Welt. Auf dem Bauernhof gab es nur ein Plumpsklo, der nächste Bauernhof war weit weg. Wir haben Pilze gesammelt, meine Freundin war das Mädchen, das am nächsten dran gewohnt hat, wenn ich gerufen hätte, hätten die mich gehört.
Haben Sie ein Lieblingsgericht?
Mein Lieblingsgericht ist Eis, Erdbeer und Sahneeis.
Was gefällt Ihnen an Ihrem jetzigen Leben?
Ich habe immer noch einen großen Freundes- und Bekanntenkreis und ich habe viel Unterstützung. Die Schwestern nehmen mich regelmäßig mit im Rollstuhl, damit ich auch die Stadt mal wieder sehe.
Was vermissen Sie?
Ich habe in einer tollen Wohnung an der Neuenkirchener Str. gewohnt, Hochpaterre. Fünf Stufen, das habe ich irgendwann nicht mehr geschafft, ich war da oft allein. Es ist viel in der Wohnung geblieben, was mir jetzt im Nachhinein fehlt.

ALTER!
Wie fühlt sich Altwerden an, wie gut sind wir auf unsere alternde Gesellschaft vorbereitet? Und welche Rolle spielt unsere Einstellung zum Leben?
